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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
(01. Juli 2007, Nr. 26 / Seite 34)
Ökonomische Sprachverwirrung
Eine eigene Sprache hilft, Theorien gegen Kritik zu
immunisieren. Am Ende hört keiner zu.
Worüber reden und schreiben Ökonomen? Über die Wirtschaft, sollte man
meinen. Doch das ist in einem doppelten Sinne längst nicht mehr
selbstverständlich. Zum einen haben die Ökonomen ihr Instrumentarium auf
alle möglichen Lebensbereiche ausgedehnt, die mit Wirtschaft nicht wirklich
etwas zu tun haben, von der Kunst bis zur Kriminalität. Zum anderen
vermitteln viele von ihnen nicht unbedingt den Eindruck, zu gängigen
Wirtschaftsthemen - speziell zu aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen -
allzu viel zu sagen zu haben. Zugegeben: Das ist ein sehr pauschales Urteil.
Es wäre gut, es belegen zu können.
Ein ungewöhnliches Autorendoppel, der Ökonom Nils Goldschmidt und der
Anglist Benedikt Szmrecsanyi, hat jetzt eine neue, gewissermaßen empirische
Methode vorgeschlagen, dieses Vorurteil zu untersuchen. Die beiden sind der
Frage - worüber Ökonomen schreiben und wie sie es tun - mit den Mitteln der
Linguistik nachgegangen. Wie das funktioniert? Durch Wörterzählen.
Goldschmidt und Szmrecsanyi haben die Texte von vier renommierten
wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften (in mehreren Jahrgängen der
neunziger Jahre) durchforstet und analysiert, wie oft bestimmte Worte -
gemessen an der Gesamtwörterzahl - vorkommen. Diese Worte lassen sich nach
verschiedenen Kriterien in unterschiedliche Kategorien klassifizieren: nach
dem Gegenstand, aber auch nach der Art der Satzbildung. Die so entstehenden
Wortkategorien lassen Schlüsse darauf zu, welche Methoden die jeweiligen
Verfasser in den Zeitschriften benutzen und womit sie sich beschäftigen. So
werden die Begriffe "Annahme", "Beweis" und "Theorem" der
abstrakt-mathematischen Analyse zugeordnet, "kulturell", "historisch" und
"institutionell" gehören zum sozialwissenschaftlichen Ansatz, "Daten",
"Evidenz", "Effekt" werden in der Kategorie "empirische Analyse"
zusammengefasst.
Die Zählergebnisse sind angesichts der Auswahl der Zeitschriften nicht
gerade überraschend, man hätte sie auch ohne Linguistik erwartet. Das
"American Economic Review" (AER), Flaggschiff des ökonomischen Mainstreams,
erweist sich als besonders theorie- und mathematiklastig: Die dort relativ
am häufigsten vorkommenden Worte sind "Gleichung", "Modell" und
"Gleichgewicht". Im "Economic Journal" (EJ) scheinen dagegen "klassische"
Wirtschaftsthemen zu dominieren: Die relativ häufigsten Begriffe sind
"Rente", "Arbeitslosigkeit" und "Lohn". Im "Journal of Economic
Perspectives" - sein Zweck ist eher die synthetische Beschreibung neuerer
Entwicklungen in der Disziplin, weniger die Hervorbringung solcher
Neuerungen - sind die drei meistgenannten Wörter "Versicherung", "Haftung"
und "Gesundheit". Auch hier steht also der Fokus auf ökonomische Probleme
außer Frage. Im "American Journal of Economics and Sociology" (AJES) sind
die häufigsten Wörter "Land", "Eigentum" und "Armut" - die Nähe der
Zeitschrift zur Soziologie ist unverkennbar.
Und wie hat sich die Wörternutzung im Zeitablauf verändert? Um dies
herauszufinden, haben Goldschmidt und Szmrecsanyi ihr linguistisches
Exerzitium in drei der vier Zeitungen (das JEP existiert noch nicht so
lange) für die Jahre 1965 und 1980 wiederholt. Ein bemerkenswerter Befund:
Im AER, das die Entwicklung der modernen Ökonomik wohl besonders
repräsentativ abbildet, ist der Anteil der abstrakt-mathematischen
Begrifflichkeiten zwischen 1965 und 1980 zwar stark gestiegen, seither aber
leicht gefallen. Das deutet darauf hin, dass die hohe Zeit reiner
Glasperlenspiele wohl vorbei ist. An ihre Stelle sind vor allem empirische
Analysen getreten, die zwar oft ähnlich hohe formale Anforderungen stellen,
aber mehr Bezug zur Wirklichkeit haben. Über ihren realwissenschaftlichen
Gehalt, sprich über ihre Relevanz, ist damit freilich noch nichts gesagt.
Noch interessanter dürfte der linguistische Vergleich zwischen den (in ihrer
inhaltlichen Ausrichtung seit je unterschiedlichen) Zeitschriften im
Zeitablauf sein. 1965 lagen sie sprachlich viel näher beieinander als
dreißig Jahre später. Während sich AER und EJ deutlich von der
sozialwissenschaftlichen Begrifflichkeit wegentwickelt haben, ist ihr das
AJES treu geblieben. Aber auch AER und EJ liegen mittlerweile deutlich
auseinander: Unterschieden sie sich in ihrem "Sprachmuster" 1965 praktisch
nicht, ist das Gewicht der formalen Sprache im AER heutzutage spürbar größer
als im EJ.
Daraus folgt: Die Ökonomen pflegen heute eine viel weniger einheitliche
Sprache als früher. Profaner formuliert: Sie reden allzu oft aneinander
vorbei. Die Vermutung Goldschmidts und Szmrecsanyis, deshalb stehe der
Disziplin bald ein neuer "Methodenstreit" bevor, ist freilich kaum
nachvollziehbar. Ein solcher Streit setzte voraus, dass viele Ökonomen
Interesse an einer Diskussion über die richtigen Methoden (und damit auch:
die richtige Sprache) haben. Es sieht aber eher danach aus, dass die meisten
damit zufrieden sind, ihre je eigene Terminologie (und damit auch: Methode)
pflegen zu können. Sie mögen damit zwar kurzfristig ihrem eigenen Interesse
dienen: Eine eigene (Meta-)Sprache hilft immer auch, eigene Theorien gegen
Kritik zu immunisieren. Doch generell schadet die von Goldschmidt und
Szmrecsanyi konstatierte ökonomische Sprachverwirrung der Disziplin. Sie
dürfte jedenfalls auch ein Grund dafür sein, dass die Ökonomik an Einfluss
in der öffentlichen Diskussion - und damit auch in der Politik - verloren
hat.
Nils Goldschmidt, Benedikt Szmrecsanyi: What Do Economists Talk About? A
Linguistic Analysis of Published Writing in Economic Journals, American
Journal of Economics and Sociology, Vol. 66 (2007), S. 335-378
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